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Baustelle
Polen
Das größte Land der neuen Betrittskandidaten erlebt
einen noch nie dagewesenen Wirtschaftsaufschwung. Auch
die Polen gehen mit geteilten Hoffnungen in die
gemeinsame Zukunft.
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Tomasz Wolski in der Maske des Tiroler
Landestheaters. Foto: Szechenyi
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Schon zu Zeiten des
Kommunismus ist Tomasz Wolski viel in den Westen
gereist. Der Opernsänger war gefragt. Vor allem deshalb
weil damals polnische Sänger wesentlich billiger zu
haben waren als „Westler". Heute hat sich das geändert:
Jetzt sind es andere Künstler, die zu Dumpingpreisen
singen.
Er war viel auf
Tournee und hat unter anderem mit Dagmar Koller das
„Weiße Rössl" gesungen. Als dann ein Angebot aus
Innsbruck kam, hat Wolski zugesagt. Er wollte in den
Westen. Damals hat er nicht gewusst, dass in Tirol
Deutsch gesprochen wird. Wolski hat sich auf einen
italienischen Dialekt eingestellt.
Bleiben wollte er
in Tirol ein oder zwei Jahre, jetzt sind es mittlerweile
15 geworden. Und Unterperfuss ist sein zweiter
Heimatort. Auch seine polnische Ehefrau und die
17-jährige Tochter haben Tirol lieb gewonnen. Nach
Posen, die Heimatstadt in Polen kehrt Familie Wolski
immer wieder zurück. Und dann ist jeder Tag ein
Feiertag. „Wenn wir in Polen sind, dann haben wir jeden
Tag eine Einladung. Das zeichnet die Polen wirklich aus:
Die Gastfreundschaft. Schon im Kommunismus haben sich
bei Einladungen die Tische gebogen. Daran hat sich und
wird sich auch nichts ändern."
Polnische Wurst,
das Nationalgericht Bigos (ein wunderbarer Eintopf mit
verschiedenen Fleischarten, Sauerkraut und Pilzen) und
natürlich der Wodka, der „wesentlich besser ist als der
russische", das sind die Dinge, die dem 42-Jährigen in
Tirol fehlen und auf die er sich immer wieder aufs Neue
freut. „Europa kann sich nach dem Beitritt Polens auf
sehr gute und natürliche Lebensmittel freuen", ist
Wolski überzeugt und mit seiner festen Tenorstimme fügt
er noch hinzu: „Europa kann stolz sein: Es kommt ein
wunderschönes Land hinzu!"
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Auf dem Krakauer Marktplatz warten Kutschen auf
Touristen. Foto: EPA
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„Krakau, das muss
jeder gesehen haben, der nach Polen reist", aber auch
die Ostsee, die Tausenden Seen in den Masuren -
Landschaften zum Niederknien. Wolski ist wie 95 % aller
Polen praktizierender Katholik. Wobei er auch sieht,
dass die Jugend nicht mehr sooft in die Kirche geht.
Dennoch sind Priester ein Exportschlager: Auch so manche
Tiroler Pfarre wird von einem polnischen Priester
betreut.
Viel lieber
schließen sich die jungen Polen da der beliebten
Tradition des Picknicks an: Am Wochenende strömen
Tausende Familien in die Wälder zum Picknicken und
Pilzesuchen - fast schon ein Nationalsport. Viele packen
ihr Zelt und fahren zu den Seen. Und nicht wenige machen
sich die Mühe, über das Wochenende 500 km in die Berge
zu fahren um dort zu wandern oder Schi zu fahren. „Die
Polen reisen gerne. Mit dem Beitritt werden sie vermehrt
auch nach Tirol kommen", ist Wolski überzeugt.
Wütend wird er auf
seine Landsleute, wenn er in der Zeitung wieder einmal
über kriminelle Polen lesen muss. „Ich schäme mich dann.
Aber Gottseidank ist das nicht so oft. Und es wird
sicher weniger werden." Ja früher, in Zeiten des
Kommunismus, habe das mit den Auto-stehlenden Polen
schon gestimmt. Aber heute hat sich das geändert. „Mir
wurde in Italien das Auto aufgebrochen", ärgert sich
Wolski immer noch.
Polen hat seit dem
Ende des Kommunismus eine rasante Entwicklung genommen.
Wolski: „Es ging rasend schnell: Vor 15 Jahren war Polen
bei weitem nicht so entwickelt und relativ arm. Heute
gibt es Geschäfte, die selbst in kleineren Städten 24
Stunden geöffnet haben. Und die nächsten 15 Jahre werden
ebenso das Land und die polnische Gesellschaft
grundlegend ändern."
Polen ist derzeit
eine einzige Baustelle. Im Akkord werden Autobahnen aus
dem Boden gestampft. Für den Verkehr, der Zuwachsraten
hat, die sich die Tiroler Transitgegner nicht einmal
vorstellen können.
Auch die Polen sind
nicht euphorisch nach Europa gegangen. Sie fürchten vor
allem das Abwandern ihrer gut ausgebildeten Fachkräfte
und Akademiker in den vermeintlich reichen Westen.
Tomasz Wolski ist dennoch für den Beitritt. „Es gibt
einfach zu viele Vorteile auch für Polen wie mich, die
jetzt schon im Ausland leben."
Am 1. Mai wird auch
in Innsbruck der Beitritt Polens gefeiert. Die polnische
Gesellschaft hat einen Kabarettabend organisiert: „Wir
werden zusammensitzen, Wurst essen und Bier trinken,"
freut sich Tomasz.
Das Thema des
Kabarettabends: „Polen und die EU." Denn auch das ist
typisch polnisch: Sie können herrlich über sich selbst
lachen.
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